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Zwei Pipelines, ein Markt: Nigerias Gas im geopolitischen Fokus

Erdgas aus Westafrika gilt seit einigen Jahren als strategische Ressource für drei miteinander verknüpfte Räume: für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas, für die Energiesicherheit Europas und für die geopolitische Positionierung der Transitländer. Im Zentrum dieser Debatte steht Nigeria, das über die größten Erdgasreserven des Kontinents verfügt, deren Erschließung bislang jedoch nur begrenzt exportwirksam ist.

 

Fiktives Bild mit Hilfe von ChatGPT erstelltAnfang 2026 verdichtet sich diese strategische Diskussion zu einer konkreten Entscheidung. Zwei konkurrierende Pipelineprojekte, die nigerianisches Gas nach Europa und zugleich in afrikanische Märkte transportieren sollen, nähern sich einer Phase, in der politische Absichtserklärungen durch verbindliche Investitions- und Abnahmeverträge ersetzt werden müssen. Das Jahr 2026 markiert damit einen Wendepunkt, an dem sich entscheidet, welcher Korridor künftig die Energiearchitektur Westafrikas und die euro-afrikanischen Gasbeziehungen prägen wird.

Der atlantische Gaskorridor entlang der westafrikanischen Küste und das transsaharische Pipelineprojekt über Niger und Algerien konkurrieren um dieselbe Ressource - nigerianisches Erdgas - und teilweise um denselben Absatzmarkt in Europa.

Der atlantische Gaskorridor folgt einem integrierten Entwicklungsansatz. Mit einer geplanten Länge von über 5 000 Kilometern und einer Zielkapazität von rund 30 Milliarden Kubikmetern pro Jahr ist er nicht ausschließlich auf den Export ausgerichtet. Ein erheblicher Teil der Gasmenge soll in Westafrika verbleiben, um Stromerzeugung, industrielle Wertschöpfung und die Produktion von Düngemitteln zu unterstützen. Ein weiterer Teil könnte über bestehende Verbindungen zwischen Marokko und Spanien in das europäische Gasnetz eingespeist werden. Damit verbindet der Korridor regionale Entwicklung mit externer Nachfrage.

Technisch ist dieses Projekt weit fortgeschritten. Machbarkeitsstudien sind abgeschlossen, Trassen definiert und Projektgesellschaften eingerichtet. Besonders entscheidend ist die Position Nigerias. Anfang Februar 2026 stufte die nigerianische Regierung den atlantischen Korridor offiziell als strategisches Prioritätsprojekt ein - ein klares Signal, da Nigeria die zentrale Versorgungsquelle darstellt. Der derzeit diskutierte Zeitplan sieht eine endgültige Investitionsentscheidung noch im Jahr 2026 vor, einen Baubeginn ab 2027 und erste Gaslieferungen um 2030 oder 2031.

Demgegenüber steht das transsaharische Projekt, das nigerianisches Gas über Niger nach Algerien transportieren und von dort über bestehende Leitungen nach Europa weiterleiten soll. Auf dem Papier ist diese Route kürzer und direkter. Sie wird jedoch seit über 15 Jahren diskutiert, ohne den Übergang in die Umsetzungsphase geschafft zu haben. Eine neue diplomatische Initiative Anfang 2026 hat dem Projekt zwar politischen Rückenwind verschafft, doch politische Signale allein reichen nicht aus, um Investoren zu überzeugen.

Der zentrale Wettbewerb entscheidet sich nicht an der technischen Machbarkeit - diese ist bei beiden Projekten grundsätzlich gegeben -, sondern an Finanzierung, Governance und Risikobewertung. Beide Vorhaben erfordern Investitionen von etwa 20 bis 25 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig konkurrieren sie um langfristige Abnahmeverträge in Europa, dessen Gasnachfrage durch die Klimaziele bis 2050 zeitlich begrenzt ist. Eine Inbetriebnahme Anfang der 2030er Jahre lässt nur ein begrenztes Zeitfenster für wirtschaftlich tragfähige Langfristverträge.

Internationale Banken, Entwicklungsinstitutionen und industrielle Abnehmer werden sich daher voraussichtlich auf den Korridor konzentrieren, der politische Stabilität, klare Zuständigkeiten und verlässliche Vertragsstrukturen bietet. In dieser Abwägung spielt die Sicherheitslage entlang der jeweiligen Trassen eine zentrale Rolle. Risiken im Sahelraum belasten das transsaharische Projekt strukturell, während der atlantische Korridor auf eine größere Zahl stabiler Transitländer und eine stärkere maritime Absicherung setzt.

2026 wird damit zum Entscheidungsjahr. Gelingt es dem atlantischen Korridor, die endgültige Investitionsentscheidung zu erreichen, dürfte dies einen kaum umkehrbaren Effekt auslösen und den Großteil der finanziellen und kommerziellen Zusagen auf sich ziehen. Verzögert sich dieser Schritt, könnte das transsaharische Projekt versuchen, das verbleibende Zeitfenster zu nutzen. In beiden Fällen wird die Entscheidung nicht durch politische Rhetorik, sondern durch unterzeichnete Verträge, garantierte Abnahmen und belastbare Zeitpläne fallen.

Über die Konkurrenz der Projekte hinaus geht es um mehr als einen Exportkorridor. Es geht um die Fähigkeit Westafrikas, einen integrierten Energiemarkt aufzubauen, die eigene industrielle Entwicklung zu sichern und langfristig eine gestaltende Rolle in den Energiebeziehungen mit Europa einzunehmen. Das Projekt, dem es zuerst gelingt, strategische Visionen in verbindliche Realität zu übersetzen, wird die energetische Landkarte des Kontinents nachhaltig prägen.