Vom Partner zum Taktgeber: Marokkos neue Rolle in der Sicherheitsarchitektur
In Rabat vollzieht sich seit Jahren eine Entwicklung, die der Journalist Mamouni in seinem Dossier „Die Geheimakte“ als schleichende, aber strukturelle Verschiebung der regionalen Sicherheitsarchitektur beschreibt. Es geht dabei nicht um einen abrupten Bruch, sondern um die Verdichtung einer langfristigen Transformation, die sich jenseits diplomatischer Symbolik vollzieht - leise, operativ und zunehmend wirksam.

Wenn Vertreter des Federal Bureau of Investigation (FBI), der spanischen Nationalpolizei und der deutschen Bundespolizei innerhalb kurzer Zeiträume in Rabat zusammentreffen, ist dies kein Zufall und kein PR-Ritual. Es verweist auf eine reale Verschiebung sicherheitspolitischer Abhängigkeiten. Marokko erscheint dabei nicht mehr als peripherer Partner, sondern als Knotenpunkt von Information, Analyse und Prävention - insbesondere im westlichen Mittelmeerraum und entlang der Sahelrouten.
Mamouni formuliert die zentrale Frage: Warum richtet sich der Blick der westlichen Sicherheitsapparate heute zunehmend nach Rabat? Seine Antwort verweist auf die über mehr als ein Jahrzehnt vollzogene Professionalisierung und Zentralisierung des marokkanischen Sicherheitsapparates, maßgeblich geprägt durch Abdellatif Hammouchi, der sowohl die Generaldirektion für die Überwachung des Staatsgebiets (DGST) als auch die nationale Sicherheitsarchitektur verantwortet. Entscheidend sei weniger formale Macht als die Fähigkeit, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und in verwertbare Information zu übersetzen.
Im Zentrum der Analyse steht eine funktionale sicherheitspolitische Verzahnung zwischen Marokko, Spanien und Deutschland. Mamouni spricht bewusst nicht von einem Bündnis, sondern von einer operativen Drehscheibe, die dort greift, wo klassische europäische Sicherheitskonzepte an ihre Grenzen stoßen. Die Zusammenarbeit ist pragmatisch, interessengeleitet und von der Einsicht getragen, dass Bedrohungen längst nicht mehr entlang nationaler Linien entstehen, sondern entlang transnationaler Bewegungen, Netzwerke und Radikalisierungsräume.
Deutschland
Für Deutschland markiert diese Entwicklung einen spürbaren Perspektivwechsel. Analysen deutscher Think-Tanks und die Berichterstattung marokkanischer Medien über hochrangige Besuche der Bundespolizei deuten darauf hin, dass Berlin seine Sicherheitsinteressen zunehmend externalisiert. Die sicherheitspolitische Zeitenwende nach dem Krieg in der Ukraine, die Instabilität im Sahel und die wachsende Unsicherheit transatlantischer Garantien haben verdeutlicht, dass innere Sicherheit nicht mehr primär an der eigenen Grenze entschieden wird. Finanzielle Investitionen in Verteidigung und Sicherheit reichen dabei nicht aus - es braucht Feldkenntnis, Netzwerke und kulturelle Nähe. In diesem Gefüge fungiert Marokko zunehmend als Frühwarnakteur.
Spanien
Auch Spanien hat seine sicherheitspolitische Haltung neu justiert. Trotz historischer Spannungen und offener Fragen etwa zu Ceuta, Melilla oder maritimen Grenzen wird die Zusammenarbeit mit Rabat heute weitgehend entideologisiert geführt. Mamouni beschreibt diese Haltung als nüchternen Realismus. Die enge Abstimmung in Migrationsfragen, Terrorismusabwehr und Informationsaustausch gilt in Madrid als stabilisierender Faktor für die innere Sicherheit, nicht als politische Option. In marokkanischen Medien kursiert dafür das Bild eines kurzen Zeitfensters, innerhalb dessen Spanien ohne Kooperation vor erheblichen Problemen stünde - eine journalistische Zuspitzung, die jedoch reale Abhängigkeiten widerspiegelt.
USA
Eine besondere Rolle spielt die Zusammenarbeit mit dem FBI. Mamouni vermeidet auch hier den Begriff eines Bündnisses und spricht stattdessen von einer vertieften operativen Partnerschaft. Der Austausch konzentriert sich auf Extremismusprävention, Cyberbedrohungen und den Schutz von Großereignissen. Besuche hochrangiger FBI-Vertreter werden in der marokkanischen Presse nicht als Wendepunkt, sondern als Fortsetzung einer gewachsenen Zusammenarbeit eingeordnet - diskret, ergebnisorientiert und bewusst ohne öffentliche Dramatisierung.
Internationale Sportgroßereignisse dienen dabei als sicherheitspolitisches Labor. Im Vorfeld des Afrika-Cups 2025 und mit Blick auf die Weltmeisterschaft 2030 hat Marokko Sicherheitskonzepte entwickelt, die digitale Überwachung, biometrische Zugangssysteme und klassisches Crowd-Management verzahnen. Am Beispiel des Stadions Moulay Abdellah in Rabat analysierten internationale Experten insbesondere die Integration von Cyberabwehr in physische Sicherheitsstrukturen. Der Schwerpunkt liegt weniger auf Kontrolle als auf Prävention und Reaktionsfähigkeit.
Ein oft zitierter Beleg für die operative Tiefe der Zusammenarbeit ist der Fall des US-Soldaten Cole Bridges, der 2021 wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation verurteilt wurde. Hinweise aus Marokko trugen maßgeblich zur frühzeitigen Enttarnung bei. Für Mamouni steht dieser Fall exemplarisch für die Fähigkeit marokkanischer Dienste, scheinbar randständige Signale zu einem belastbaren Lagebild zu verdichten - ein Zusammenspiel von technischer Analyse und menschlicher Nähe.
Während westliche Dienste stark auf elektronische Erfassung setzen, hat Marokko gezielt in menschliche Netzwerke investiert, insbesondere in Regionen mit komplexen sozialen und religiösen Strukturen. Ergänzt wird dies durch staatlich kontrollierte Programme zur religiösen Ausbildung, die präventiv an der ideologischen Wurzel ansetzen - ein Ansatz, der auch in europäischen Studien zunehmend als wirksam anerkannt wird.
Über die Sicherheitsarbeit hinaus verweist Mamouni auf ökonomische Effekte. Internationale Investoren reagieren sensibel auf Stabilitätsindikatoren, und die Anerkennung Marokkos als verlässlicher Partner wirkt faktisch wie ein Vertrauenssignal. Konzerne wie Boeing, Safran oder Volkswagen bewerten ihre Präsenz nicht nur nach Kostenfaktoren, sondern auch nach Sicherheitsumfeld. In diesem Kontext ordnet Mamouni auch die internationale Haltung zur marokkanischen Sahara ein. Er vermeidet vereinfachende Kausalitäten, betont jedoch, dass sicherheitspolitische Verlässlichkeit die diplomatische Position des Landes nachhaltig gestärkt hat.
Internationale Pressestimmen
Auffällig ist, dass westliche Medien Marokkos wachsende Rolle kaum als kontroverse Debatte führen. In den USA erscheint die Kooperation vor allem in fachlichen Kontexten - als funktionierender Austausch zwischen Behörden, nicht als politisches Thema. In Spanien ist die Berichterstattung unmittelbarer und stärker mit Migration und Grenzschutz verknüpft, bleibt jedoch nüchtern und realistisch. In Deutschland wiederum findet die sicherheitspolitische Dimension Marokkos vor allem in Fachmedien und Analysen Beachtung, weniger in der breiten Öffentlichkeit. Diese Zurückhaltung verweist weniger auf Desinteresse als auf Normalisierung: Marokko gilt als verlässlicher Bestandteil des sicherheitspolitischen Hintergrunds.
Quintessenz
Marokko gewinnt Einfluss nicht durch Lautstärke, sondern durch Verlässlichkeit. Die internationale Präsenz in Rabat ist kein Ausdruck externer Kontrolle, sondern Anerkennung gewachsener Kompetenz. Wer heute nach Rabat kommt, so Mamouni, kommt nicht, um Anweisungen zu geben, sondern um zuzuhören. Die Sicherheitskooperation ist damit zu einem zentralen Hebel marokkanischer Außen- und Innenpolitik geworden - leise, effizient und strategisch tief verankert.