Viel Potenzial - doch fehlendes Kapital bremst Energiewende
Marokko besitzt hervorragende Voraussetzungen für eine klimafreundliche Energiezukunft - reichlich Sonne, starke Windkorridore und Nähe zum europäischen Markt. Doch eine Analyse des Atlantic Council zeigt: Nicht Technologie oder politischer Wille bremsen die Energiewende, sondern vor allem der Zugang zu Kapital.
Der Bericht, der auf Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) und internationaler Finanzinstitutionen basiert, kommt zu einem klaren Befund: Marokko verfügt über ehrgeizige energiepolitische Ziele und günstige natürliche Bedingungen, doch private Investitionen lassen sich bislang nur begrenzt mobilisieren.
Im September 2025 hat das Königreich seine Klimaziele im Rahmen des Pariser Abkommens angehoben. Bis 2035 sollen die Treibhausgasemissionen gegenüber dem erwarteten Trend um 53% sinken - allerdings nur unter der Voraussetzung internationaler Unterstützung. Ohne externe Finanzierung liegt das verbindliche Ziel bei 21,6%. Die nationale Klimastrategie umfasst 61 Maßnahmen in Bereichen wie Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Industrie und Stadtentwicklung, von denen ein erheblicher Teil auf internationale Finanzierung angewiesen ist.
Trotz dieser Ziele bleibt Marokkos Energieversorgung stark von fossilen Energieträgern geprägt. 2022 machten Erdöl und Kohle zusammen rund 87% der Primärenergieversorgung aus. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Stromproduktion: Rund zwei Drittel des Stroms wurden 2023 weiterhin aus Kohle erzeugt. In den ersten acht Monaten des Jahres 2024 importierte Marokko zudem 6,1 Millionen Tonnen Kohle aus den USA - mehr als jedes andere afrikanische Land.
Fortschritte bei erneuerbaren Energien
Parallel dazu hat Marokko den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich vorangetrieben. Der Anteil erneuerbarer Quellen an der Stromproduktion stieg von etwa 6% im Jahr 2000 auf rund 17% im Jahr 2022. Die installierte Leistung aus erneuerbaren Energien liegt inzwischen bei etwa 38% der Stromkapazität; bis 2030 soll dieser Anteil auf 52% steigen.
Zu den wichtigsten Projekten gehört der Solarkomplex Noor Ouarzazate mit einer Leistung von 580 Megawatt, eines der größten solarthermischen Kraftwerke der Welt.
Der Ausbau einer klimafreundlichen Energieversorgung erfordert jedoch erhebliche Investitionen. Die marokkanische Regierung schätzt den Finanzbedarf für die Umsetzung der Klimastrategie zwischen 2026 und 2035 auf rund 96 Milliarden Dollar. Der Aufbau einer großen Industrie für grünen Wasserstoff - also Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom produziert wird - würde zusätzliche Milliardeninvestitionen erfordern.
Mit der 2024 vorgestellten Strategie „Morocco Offer“ versucht die Regierung deshalb, internationale Investoren anzuziehen. Bis zu eine Million Hektar Land könnten für Energieprojekte bereitgestellt werden.
Die Studie weist zudem darauf hin, dass bisher kein umfassendes System zur Nachverfolgung staatlicher Klimaausgaben im marokkanischen Haushalt existiert und steigende Staatsschulden die Möglichkeiten für öffentliche Garantien begrenzen.
Neue Finanzinstrumente als möglicher Ausweg
Die Autoren schlagen daher ein internationales Finanzinstrument vor: den Emerging Market Climate Investment Compact (EMCIC). Dieses Modell soll private Investitionen erleichtern, indem bis zu 80% bestimmter Projektrisiken - etwa regulatorische Unsicherheiten, Einnahmeschwankungen oder Netzprobleme - abgesichert werden.
Ein solcher Mechanismus könnte weltweit zwischen 100 und 500 Milliarden Dollar an privaten Investitionen mobilisieren. Für Marokko wäre er besonders interessant, da er ohne staatliche Garantien des Empfängerlandes auskommt und somit die öffentliche Verschuldung nicht weiter erhöht.
Die Analyse kommt zu dem Schluss, dass Marokko bei der Energiewende bereits wichtige Fortschritte erzielt hat. Doch ohne neue Finanzierungsinstrumente und deutlich mehr private Investitionen dürfte der Übergang zu einer klimafreundlichen Energieversorgung langsamer verlaufen als geplant. Die Energiewende bleibt daher vor allem eine Frage der Finanzierung.