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Schifffahrt neu geordnet: Marokko rückt ins Zentrum globaler Routen

Mit der geplanten Übernahme der israelischen Reederei Zim Integrated Shipping Services durch den deutschen Branchenriesen Hapag-Lloyd, unterstützt vom israelischen Investmentfonds FIMI, formiert sich eine neue logistische Machtachse zwischen Mittelmeer, Atlantik und Suezkanal. Die Transaktion verbindet wirtschaftliche Konsolidierung mit geopolitischer Absicherung: Sie wahrt zentrale israelische Sicherheitsinteressen, stärkt europäische Skalenvorteile - und verleiht Marokko eine deutlich aufgewertete Rolle im globalen Containerverkehr.

 

HLAG16 9 BerlinExpress. Foto hapag lloyd.com und Container Shipping, Cargo Services. Foto zim.comHapag-Lloyd steht kurz davor, die Kontrolle über Zim zu übernehmen. Ziel des komplexen Konstrukts ist es, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, ohne Israels strategische Handlungsfähigkeit im maritimen Bereich zu gefährden. Laut der Wirtschaftszeitung Calcalist wird Zim im Rahmen der Transaktion mit rund 4,2 Milliarden US-Dollar bewertet, während die aktuelle Marktkapitalisierung an der New Yorker Börse bei etwa 2,7 Milliarden US-Dollar liegt. Hinzu kommt eine hohe Liquiditätsposition von rund 2,8 Milliarden US-Dollar.

Ein Teil dieser Mittel könnte vor Abschluss der Übernahme als Sonderdividende ausgeschüttet werden - ein Punkt, der im Verwaltungsrat umstritten ist. Während einige Mitglieder auf kurzfristige Wertmaximierung setzen, warnen andere davor, die finanzielle Substanz des Unternehmens in einem zunehmend volatilen Marktumfeld zu schwächen. Die Debatte verdeutlicht die Spannungen zwischen finanzieller Optimierung und langfristiger Stabilität.

Aufteilung der Aktivitäten und neue Rolle Marokkos

Das genehmigte Modell sieht eine klare funktionale Trennung vor. Hapag-Lloyd übernimmt die internationalen Aktivitäten von Zim: die globale Marke außerhalb Israels, die Kundenverträge, die großen Handelsrouten - insbesondere zwischen Asien und den USA - sowie den operativen Betrieb von 99 gecharterten Containerschiffen.

Der Fonds FIMI behält hingegen die Kontrolle über 16 Schiffe im Eigentum, die nationalen israelischen Linien, den Hauptsitz in Haifa sowie besondere staatliche Rechte Israels, die über eine sogenannte goldene Aktie abgesichert sind. Diese Struktur soll gewährleisten, dass Israel auch künftig über eine eigenständige maritime Grundfähigkeit verfügt.

Die neue operative Einheit, häufig als „New Zim“ bezeichnet, wird mit mittelgroßen Containerschiffen arbeiten und in die Allianzen von Hapag-Lloyd integriert. Von zentraler Bedeutung ist dabei der Zugang zu strategischen Häfen, die von Hapag-Lloyd betrieben oder mitkontrolliert werden - darunter Häfen in Marokko, Italien sowie zwei ägyptische Häfen, einer davon am Suezkanal.

Für Marokko ist dies ein strategischer Gewinn. Die Einbindung in diese Netzwerke stärkt seine Position als logistischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und dem Atlantik, insbesondere im Containerumschlag, im Transitverkehr und in der Anbindung globaler Handelsrouten.

Sicherheitsbedenken und Marktzyklen

Die israelische Hafen- und Seeverwaltung äußerte dennoch deutliche Vorbehalte. Ohne staatliche Schutzmechanismen wie Subventionen, Garantien oder Einnahmesicherungen bestehe die Gefahr, dass Israel langfristig seine eigenständige maritime Transportfähigkeit verliere - sowohl im Normalbetrieb als auch in Krisensituationen. Zusätzlich wird auf die zyklische Natur der Containerschifffahrt verwiesen: Nach dem Boom der Jahre 2021-2022 zeichnen sich wieder sinkende Frachtraten und geringere Margen ab, was insbesondere weniger integrierte Anbieter unter Druck setzen könnte.

FIMI widerspricht dieser Einschätzung. Fondschef Ishay Davidi betont, die neue Struktur sei robuster aufgestellt und langfristig rentabel. Auch der Verwaltungsrat von Zim unter Vorsitz von Yair Seroussi hat der Transaktion nach intensiven Beratungen zugestimmt. Hapag-Lloyd, an der Frankfurter Börse mit rund 20 Milliarden Euro bewertet, strebt einen zügigen Abschluss der Übernahme an.

Soziale Folgen und industrielle Konsolidierung

Für die Beschäftigten in Israel ist der Deal mit Unsicherheit verbunden. Gewerkschaften zufolge sollen lediglich rund 120 von etwa 1.000 Mitarbeitern in die neue Zim übernommen werden - mit einer befristeten Arbeitsplatzgarantie und Abfindungen. Dies führte zu Protesten und unterbrochenen Betriebsversammlungen.

Hapag-Lloyd verweist hingegen auf Pläne, einen Großteil der übrigen Belegschaft in lokale Aktivitäten zu integrieren, darunter ein maritimes Forschungs- und Entwicklungszentrum mit rund 250 Beschäftigten. Der Vorgang steht exemplarisch für die industrielle Neuordnung der Branche, in der Effizienzgewinne häufig mit sozialen Anpassungen einhergehen.

Geopolitische Einordnung

Die Übernahme ist Teil einer umfassenden Konsolidierung der globalen Containerschifffahrt. Große Reedereien sichern sich Skalenvorteile, Netzwerke und Hafeninfrastruktur, während Staaten bemüht sind, strategische Kontrolle über kritische Transportkapazitäten zu bewahren. Gleichzeitig hat die geopolitische Lage - Angriffe im Roten Meer, Unsicherheiten am Suezkanal und die Suche nach resilienteren Routen - die Bedeutung des westlichen Mittelmeers und des Atlantiks deutlich erhöht.

In diesem Kontext gewinnt Marokko an Gewicht. Als stabiler Standort außerhalb besonders exponierter Engpässe positioniert sich das Königreich zunehmend als logistischer Anker im euro-afrikanischen Handelsraum. Die Einbindung in die Strukturen eines der weltweit führenden Reedereikonzerne stärkt nicht nur die marokkanische Hafenwirtschaft, sondern auch die strategische Rolle des Landes in einer neu geordneten globalen Schifffahrtsarchitektur.