Marokko und die BRICS: Partnerschaften jenseits von Bündnissen
Die Weltwirtschaft ordnet sich neu. China baut seinen wirtschaftlichen Einfluss aus, Indien gewinnt industriell und politisch an Gewicht, die Golfstaaten investieren weit über ihre Region hinaus, während Europa und die Vereinigten Staaten ihre Lieferketten und strategischen Abhängigkeiten neu vermessen. Für ein Land wie Marokko erwächst daraus kein Zwang, sich für eine Seite zu entscheiden. Im Gegenteil: Der Kreis möglicher Partner wächst.

Quellen:BRICS: Offizielle Angaben zu Mitgliedern und Partnerstaaten Marokkanisches Außenministerium: Erklärung zur BRICS-Frage, August 2023 Königreich Marokko, Ministerium für Industrie und Handel Siebte Sitzung der gemischten Kommission Marokko–Indien, Rabat, August 2026 Marokkanische Zollverwaltung (ADII): Erste Sitzung der Zollarbeitsgruppe Marokko–Russland, September 2026 Europäischer Auswärtiger Dienst (EAD): 15. Assoziationsrat EU–Marokko, Januar 2026 Auswärtiges Amt: Gemeinsame Erklärung Marokko–Deutschland, 30. April 2026 Offizielle marokkanische und chinesische Veröffentlichungen Offizielle Veröffentlichungen der Vereinigten Arabischen Emirate Brasilianische Veröffentlichungen der Regierung zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Marokko |
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Das zeigt sich besonders an den Beziehungen zu den BRICS-Staaten. Marokko vertieft die Zusammenarbeit mit China und Indien, arbeitet seit Jahrzehnten eng mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen und unterhält wirtschaftliche Beziehungen zu Russland und Brasilien. Zugleich bleiben die Europäische Union und die Vereinigten Staaten zentrale Partner des Königreichs.
Eine Unterscheidung ist dabei entscheidend: Marokko ist weder Mitglied der BRICS noch Partnerstaat der Gruppe. Im August 2023 hatte Südafrika vor dem Gipfel in Johannesburg einen marokkanischen Beitrittsantrag verkündet. Das Außenministerium in Rabat stellte daraufhin klar, das Königreich habe nie formell kandidiert. Als Marokko 2024 im Zuge der Erweiterung des BRICS-Partnerformats zu den eingeladenen Staaten zählte, nahm das Königreich den Partnerstatus nicht an. Das Königreich baut seine Beziehungen zu einzelnen BRICS-Staaten aus, ohne sie an eine Zugehörigkeit zum Zusammenschluss zu binden.
Die BRICS sind kein Bündnis nach europäischem oder transatlantischem Vorbild. Ihre Mitglieder verfolgen eigene wirtschaftliche und außenpolitische Interessen. Marokkos Verhältnis zu ihnen reicht von enger Partnerschaft bis zu tiefgreifenden politischen Gegensätzen. Mit Südafrika, das die Polisario unterstützt, sind die Beziehungen seit Jahren belastet. Mit Iran hat Rabat 2018 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Die Frage nach Marokko und „den“ BRICS führt daher ins Leere. Aufschlussreich ist allein das Verhältnis zu den einzelnen Staaten.
Unterschiedliche Partner, unterschiedliche Interessen
Auch unter den Partnern folgen die Beziehungen keinem einheitlichen Muster. Mit China besteht seit 2016 eine strategische Partnerschaft, die zunehmend durch industrielle Investitionen geprägt wird. Chinesische Unternehmen engagieren sich insbesondere in neuen Wertschöpfungsketten rund um Elektromobilität und Batterietechnologie. Für Marokko geht es dabei nicht allein um ausländisches Kapital, sondern um Produktion, Technologie und industrielle Kompetenz im eigenen Land.
Mit Indien entwickelt sich eine andere Form der Zusammenarbeit. Der Handel wächst, getragen bislang vor allem von Phosphaten und Düngemitteln für die indische Landwirtschaft. Indische Unternehmen investieren in Marokko, und mit der Produktion gepanzerter Fahrzeuge in Berrechid hat die Beziehung inzwischen eine industrielle, ja sicherheitspolitische Dimension erreicht. Bei der siebten Sitzung der gemischten Kommission im August 2026 ordnete Außenhandels-Staatssekretär Omar Hejira die Zusammenarbeit in die königliche Leitlinie ein, die strategischen Partnerschaften des Königreichs zu festigen und ihre Perspektiven zu erweitern, insbesondere gegenüber Asien.
Die Vereinigten Arabischen Emirate zeigen wiederum, weshalb die BRICS-Mitgliedschaft allein wenig über Marokkos Beziehungen zu einem Land aussagt. Die engen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Rabat und Abu Dhabi bestehen seit Jahrzehnten und reichen von Investitionen bis zu großen Infrastruktur- und Energieprojekten. Sie entstanden lange bevor die Emirate der Gruppe 2024 beitraten.
Mit Russland stehen die bestehenden Handelsbeziehungen stärker im Vordergrund. Nach der gemeinsamen Regierungskommission im Oktober 2025 trat im September 2026 erstmals eine gemeinsame Zollarbeitsgruppe zusammen. Zollverfahren und Ursprungsnachweise sollen besser aufeinander abgestimmt und die gegenseitige Anerkennung zugelassener Wirtschaftsbeteiligter bis Ende 2027 vorbereitet werden. Landwirtschaft, Energie, Industrie und Logistik gehören ebenfalls zu den Feldern der bilateralen Zusammenarbeit. Hier entsteht weniger eine neue industrielle Achse als eine systematischere Ordnung bereits vorhandener Wirtschaftsbeziehungen.
Mit Brasilien verbindet Marokko vor allem der Düngemittelhandel. Brasiliens exportstarke Landwirtschaft braucht Phosphat, und Marokko verfügt über die größten Reserven der Welt. Die Beziehung öffnet dem Königreich zugleich den Weg nach Lateinamerika.
Europa bleibt Teil derselben Strategie
Diese Öffnung gegenüber weiteren Wirtschaftsmächten bedeutet keine Abkehr von Europa. Im Januar 2026 bekräftigten Marokko und die Europäische Union beim Assoziationsrat in Brüssel ihre langjährige strategische Partnerschaft. Im April gingen beide Seiten noch einen Schritt weiter und vereinbarten, an einer umfassenderen strategischen Partnerschaft zu arbeiten.
Auch Marokko selbst unterstreicht diese Verbindung. In einer gemeinsamen Erklärung mit Deutschland vom 30. April 2026, verabschiedet beim zweiten deutsch-marokkanischen strategischen Dialog in Rabat, bekräftigte die marokkanische Seite ausdrücklich ihr Engagement für die strategische Partnerschaft mit der Europäischen Union.
Viele Partner statt eines neuen Lagers
Europäische Automobilkonzerne produzieren in Marokko, chinesische Unternehmen investieren in Batterietechnologie, ein indischer Konzern fertigt gepanzerte Fahrzeuge, und Kapital aus den Golfstaaten fließt in Infrastruktur und Energie. Das Königreich wird so zu einem Ort, an dem sich Wirtschaftsräume begegnen, statt einander auszuschließen. Ob seine Partner einer gemeinsamen Gruppe angehören, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Maßgeblich ist, was aus jeder einzelnen Beziehung im Land selbst entsteht.