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Marokko-Mauretanien: Aus historischer Nähe entsteht eine neue Wirtschaftsachse

Es ist eine ungewöhnliche Regelung für ein internationales Industrieprojekt: Marokkanische Unternehmen sollen in einer neuen Industriezone südlich von Nouakchott nicht wie gewöhnliche ausländische Investoren behandelt werden. Sie sollen bei der Ansiedlung Vorrang erhalten und dieselben Rechte genießen wie mauretanische Unternehmen.

Geplante größte Industriezone Afrikas nahe Nouakchott. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Angekündigt wurde diese Sonderstellung beim Industrietreffen SISTEP IMME in Casablanca von Cheikh Sidi Mohamed Ould Ahmedou, Generaldirektor für Industrie im mauretanischen Ministerium für Bergbau und Industrie. Das Areal umfasst 800 Hektar und liegt bei El A’rya in der Region Trarza, südlich von Nouakchott. Mauretanien hatte seine Einrichtung bereits Anfang 2026 beschlossen; inzwischen liegen Dutzende Investitionsprojekte vor.

Bemerkenswert ist deshalb weniger die Größe der Zone als die Stellung, die marokkanische Unternehmen darin erhalten sollen. Sie verweist auf eine Beziehung, die wirtschaftlich eine neue Form annimmt, historisch jedoch weit zurückreicht.

Eine Nähe, die älter ist als die heutigen Grenzen

Die Räume des heutigen Marokko und Mauretaniens waren über Jahrhunderte durch Karawanenhandel, Stammesbeziehungen, religiöse Netzwerke und politische Loyalitäten miteinander verbunden. Bereits die Almoraviden verbanden im 11. Jahrhundert Gebiete des heutigen Mauretaniens mit Marokko und schufen ein Reich, das später bis auf die Iberische Halbinsel reichte.

Wie stark solche Verbindungen noch im 20. Jahrhundert wirkten, zeigte sich 1958. Am 28. März empfing Mohammed V. in Rabat vier bedeutende mauretanische Persönlichkeiten, darunter den Emir von Trarza und zwei ehemalige Minister. Sie bekundeten dem König ihre Treue. Der Emir legte seinen Titel vor Mohammed V. nieder, der ihn ihm anschließend wieder verlieh.

Unter Moktar Ould Daddah setzte sich die politische Richtung durch, die einen souveränen mauretanischen Staat wollte. 1969 erkannte Marokko Mauretanien an; ein Jahr später wurde die Normalisierung durch einen Freundschaftsvertrag besiegelt.

Aus einer historisch eng verflochtenen, zeitweise konfliktreichen Beziehung entwickelte sich damit die Partnerschaft zweier souveräner Nachbarn.

Aus Handel soll gemeinsame Produktion werden

Heute erhält diese Nähe eine neue wirtschaftliche Bedeutung. Mauretanien will mit der Industriezone seine eigene Verarbeitung von Rohstoffen und Produkten aus Landwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und erneuerbaren Energien ausbauen. Marokko verfügt seinerseits über industrielle Erfahrung, Zulieferstrukturen, Finanzdienstleistungen und Verbindungen zu internationalen Produktionsketten.

Die Zusammenarbeit wurde bereits vor der jetzigen Ankündigung systematisch vorbereitet. Beim ersten marokkanisch-mauretanischen Parlaments- und Wirtschaftsforum in Nouakchott im Mai 2025 wurden gemeinsame Investitionen, Technologietransfer, Ausbildung und eine leichtere Bewegung von Waren und Personen vereinbart. Beide Seiten formulierten dabei ein bemerkenswert weitreichendes Ziel: Marokko und Mauretanien könnten gemeinsam zu einem Produktions- und Vermarktungszentrum mit Verbindungen nach Westafrika, Europa und über den Atlantik werden.

Im Juni 2025 folgte eine engere Zusammenarbeit der Industrieverbände in Metallurgie, Maschinenbau, Elektromechanik, Bergbau und Energie. Parallel entwickeln beide Staaten ihre Kooperation bei Elektrizität und erneuerbaren Energien weiter.

Die Industriezone gibt dieser Entwicklung nun einen konkreten Ort. Statt Waren lediglich über die Grenze zu verkaufen, könnten Unternehmen beider Länder gemeinsame Wertschöpfungsketten aufbauen.

Eine alte Verbindung bekommt eine neue Form

Gerade deshalb besitzt die geplante Gleichstellung marokkanischer Unternehmen mit mauretanischen Firmen besondere Symbolkraft. Sie bedeutet keine Rückkehr zu historischen politischen Vorstellungen. Sie zeigt vielmehr, wie eine alte Verbindung unter den Bedingungen zweier souveräner Staaten wirtschaftlich neu gestaltet werden kann.

Wo einst Karawanenwege, Stammesbeziehungen und politische Loyalitäten Räume miteinander verbanden, entstehen heute Handelswege, Energieverbindungen und industrielle Wertschöpfungsketten. Marokko und Mauretanien rücken nicht zusammen, indem sie ihre Geschichte zurückholen. Sie nutzen ihre Nähe, um gemeinsam etwas Neues aufzubauen.

 

Quellen

  • Agence Mauritanienne d’Information: Beschluss zur Einrichtung der 800 Hektar großen Industriezone in El A’rya, Januar 2026 * Industrialisierungsstrategie und Investitionsprojekte für die neue Industriezone, 2026
  • Mauretanisches Ministerium für Bergbau und Industrie – Industriepolitik und Entwicklung der neuen Industriezone
  • SISTEP IMME / Erklärungen der mauretanischen Delegation in Casablanca, September 2026
  • Sahara Medias – marokkanisch-mauretanische Industriezone und Stellung marokkanischer Unternehmen, September 2026
  • Marokkanisches Repräsentantenhaus – Erklärung des ersten marokkanisch-mauretanischen Parlaments- und Wirtschaftsforums, Mai 2025
  • Françoise de La Serre, Revue française de science politique – historische Untersuchung der marokkanischen Ansprüche auf Mauretanien, 1966
  • Le Monde – zeitgenössischer Bericht über die mauretanische Delegation bei Mohammed V., März 1958 * Annäherung zwischen Hassan II. und Moktar Ould Daddah, September 1969

 

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