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Großbritannien blickt stärker auf Marokkos öffentliche Aufträge

Marokkos große Investitionsprogramme wecken zunehmend das Interesse internationaler Unternehmen. Nun will Großbritannien einen Bereich seiner Wirtschaftsbeziehungen mit dem Königreich vertiefen, der bislang kaum durch gemeinsame Regeln erfasst ist: den Zugang zu öffentlichen Aufträgen. London prüft dafür ein neues Kapitel im bestehenden britisch-marokkanischen Assoziierungsabkommen.

Marokkanische öffentliche Aufträge. Bild mit Hilfe von ChatGPT erstellt

Öffentliche Beschaffung umfasst Aufträge, die staatliche Stellen und andere öffentliche Einrichtungen an private Unternehmen vergeben - von Waren und Dienstleistungen bis zu Bau- und Infrastrukturprojekten. Gerade für Marokko hat dieser Markt derzeit besonderes Gewicht, weil das Land umfangreich in Verkehrswege, Wasserwirtschaft, Energie, Gesundheitsversorgung und weitere Infrastruktur investiert.

Die britische Regierung beziffert den für britische Unternehmen relevanten marokkanischen Beschaffungsmarkt in den kommenden Jahren auf rund 33 Milliarden Pfund. Ein neues Kapitel im Assoziierungsabkommen könnte festlegen, welche öffentlichen Aufträge erfasst werden und unter welchen Bedingungen Unternehmen beider Länder daran teilnehmen können. Ziel wären transparentere Verfahren und eine faire Behandlung von Waren, Dienstleistungen und Anbietern beider Seiten.

Noch ist dieser Schritt allerdings nicht vollzogen. London befindet sich ausdrücklich in einer Sondierungsphase und hat am 24. August eine öffentliche Konsultation gestartet. Bis zum 11. September können insbesondere Unternehmen ihre Erfahrungen mit marokkanischen Ausschreibungen schildern, bestehende Hindernisse benennen und Vorschläge für mögliche künftige Regeln einbringen. Erst auf dieser Grundlage soll die weitere Ausgestaltung geprüft werden.

Bemerkenswert ist dennoch die Richtung. Zwischen Großbritannien und Marokko bestehen bislang keine internationalen handelspolitischen Verpflichtungen speziell für öffentliche Beschaffung. Ein entsprechendes Kapitel im Assoziierungsabkommen würde dies ändern. Nach Angaben der britischen Regierung wären es zugleich die ersten rechtlich bindenden britischen Verpflichtungen dieser Art mit einem afrikanischen Staat.

Die Initiative kommt nicht überraschend. Bereits beim strategischen Dialog in Rabat im Juni 2025 vereinbarten beide Länder eine engere Zusammenarbeit bei öffentlichen Ausschreibungen und unterzeichneten dazu eine Absichtserklärung. Die Wirtschaftsbeziehungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich gewachsen: Der bilaterale Handel erreichte 2024 rund 4,2 Milliarden Pfund und hatte sich damit seit Inkrafttreten des britisch-marokkanischen Assoziierungsabkommens 2021 etwa verdoppelt.

Hinzu kommt Marokkos derzeitiger Investitionszyklus. Beim selben strategischen Dialog vereinbarten beide Seiten eine engere Zusammenarbeit unter anderem bei Wasser- und Hafeninfrastruktur, Gesundheitswesen, Energie und Verkehr. Auch bei Infrastrukturprojekten im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 sollen britisches Know-how und britische Unternehmen stärker eingebunden werden. UK Export Finance stellte zudem Finanzierungsmöglichkeiten von bis zu fünf Milliarden Pfund für neue Geschäfte in Marokko in Aussicht.

Damit geht es bei der aktuellen Initiative um mehr als eine technische Ergänzung eines Handelsvertrages. Großbritannien versucht, seine wirtschaftliche Partnerschaft mit Marokko an eine Phase anzupassen, in der öffentliche Investitionen neue Geschäftsmöglichkeiten schaffen. Für Marokko wiederum könnte ein klarerer und stärker geregelter Zugang internationaler Anbieter zusätzlichen Wettbewerb, Kapital und technisches Know-how für große Projekte bringen.

Am Anfang dieses Weges steht eine Konsultation, kein fertiges Abkommen - doch dass London gerade jetzt verbindlichere Regeln für öffentliche Aufträge mit Marokko prüft, zeigt, wie sehr die Investitionsprogramme des Königreichs inzwischen auch in den Mittelpunkt britischer Wirtschaftsinteressen rücken.