Chinas Solarwende eröffnet Marokko neue Industriechancen
Das Ende chinesischer Exportvergünstigungen für Photovoltaikprodukte verändert die globale Solarwirtschaft. Für Marokko eröffnet sich dadurch eine neue Chance - nicht nur als Absatzmarkt für Solartechnik, sondern als möglicher Produktions- und Transformationsstandort zwischen Europa, Afrika und den USA.
Die Entscheidung Pekings, die Mehrwertsteuererstattung für Exporte von Photovoltaikprodukten zum 1. April 2026 vollständig abzuschaffen, markiert einen Einschnitt für die globale Solarindustrie. Über Jahre hatten diese steuerlichen Vorteile dazu beigetragen, chinesische Solarmodule international besonders preisgünstig anzubieten. Mit ihrem Wegfall geraten die Exportmargen stärker unter Druck - und damit wächst die Bedeutung von Produktionsstandorten außerhalb Chinas.
In diesem Kontext rückt Marokko stärker in den Fokus. Das Königreich bietet eine strategische Lage zwischen Europa, Afrika und dem Nahen Osten, verfügt über wachsende industrielle Infrastruktur und hat seine Energiepolitik seit Jahren konsequent auf erneuerbare Energien ausgerichtet. Noch ist Marokko kein großer Produktionshub der globalen Photovoltaikindustrie, doch die Voraussetzungen verbessern sich sichtbar.
Der Ausbau erneuerbarer Energien gehört zu den zentralen Zielen der marokkanischen Energiepolitik. Bis 2030 sollen rund 52% der installierten Stromkapazität aus erneuerbaren Quellen stammen. Der Anteil liegt bereits bei etwa 45%. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung des Solarsektors, dass der Ausbau komplexer ist als ursprünglich erwartet.
Der Noor-Komplex bei Ouarzazate machte Marokko weltweit zu einem Symbol für große Solarprojekte. Während diese Anlagen internationale Aufmerksamkeit erzeugten, verzögerten sich spätere Projekte wie Noor Midelt aufgrund technologischer und finanzieller Fragen. Heute liegt die installierte Photovoltaikleistung je nach Statistik bei rund einem Gigawatt, während nationale Angaben für Ende 2025 etwa 1,3 Gigawatt nennen. Hinzu kommen rund 534 Megawatt solarthermischer Kraftwerke.
Neue Dynamik entsteht nun durch zusätzliche Projekte und regulatorische Reformen. Im März 2026 starteten MASEN und der staatliche Energieversorger ONEE das Noor-Atlas-Programm mit 305 Megawatt Photovoltaikleistung an mehreren Standorten. Die ersten Anlagen sollen ab 2027 Strom liefern.
Gleichzeitig wurde im März 2026 das Anwendungsdekret zum Gesetz über industriellen Eigenverbrauch veröffentlicht. Ab Juni 2026 können Unternehmen unter bestimmten Bedingungen selbst erzeugten Strom nutzen und teilweise ins Netz einspeisen. Parallel veröffentlichte die Energieregulierungsbehörde ANRE erstmals konkrete Netzkapazitäten für neue Solarprojekte: rund 2,8 Gigawatt im Jahr 2026 und mehr als 5,5 Gigawatt bis 2030.
Darüber hinaus verbindet das Königreich seine Solarstrategie mit der Entwicklung einer grünen Wasserstoffwirtschaft. Die Regierung hat Projekte im Umfang von über 300 Milliarden Dirham genehmigt und große Flächen für entsprechende Anlagen reserviert. Diese Initiativen benötigen langfristig erhebliche Mengen erneuerbarer Energie und könnten damit die Nachfrage nach Solarstrom deutlich steigern.
Marokko befindet sich damit in einer Übergangsphase. Das Land ist noch kein globaler Produktionsknoten der Photovoltaikindustrie. Doch die Kombination aus Energiepolitik, Industrieplanung und geopolitischer Lage schafft Bedingungen, unter denen sich Marokko in den kommenden Jahren zu einem wichtigen Standort für Produktion, Verarbeitung und Export von Solartechnologie entwickeln könnte.