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Als unsere Vorfahren an Marokkos Küste lebten

Lange galt Ostafrika als zentraler Schauplatz der frühen Menschheitsgeschichte. Doch neue Fossilienfunde nahe Casablanca könnten dieses Bild erweitern. Knochen aus einer rund 773.000 Jahre alten Fundschicht deuten darauf hin, dass Nordafrika eine wichtige Rolle in jener Phase der Evolution spielte, aus der schließlich der moderne Mensch hervorging. Der Atlantikrand Marokkos rückt damit stärker in den Fokus der internationalen Forschung.

 

Atlantikküste vor 800.000 Jahren. Foto mit Hilfe von ChatGPT erstelltDamals sah die Landschaft rund um das heutige Casablanca völlig anders aus. Elefanten, Nashörner und große Raubtiere streiften durch diese Umgebung. Und irgendwo zwischen ihnen lebten kleine Gruppen früher Menschen. Was von ihrem Leben blieb, sind wenige, unscheinbare Spuren: Zähne, Kieferknochen und einzelne Wirbel. Doch diese Fragmente könnten eine der bedeutendsten Geschichten erzählen, die die Wissenschaft über die Herkunft des Menschen kennt. Denn genau hier, am Atlantikrand Marokkos, haben Forscher möglicherweise eine Population entdeckt, die sehr nahe am Ursprung jener Entwicklung steht, aus der später unsere eigene Art hervorging.

Die Fundstelle liegt in einem Steinbruchgebiet am westlichen Rand von Casablanca. Hier wurden mehrere menschliche Fossilien entdeckt - darunter Unterkiefer, Zähne, ein Oberschenkelknochen und Wirbel. Die Überreste stammen nach Angaben der Forscher von mindestens zwei Erwachsenen und einem Kind.

Lange blieb unklar, wie alt diese Funde tatsächlich waren. Erst moderne geologische Datierungsmethoden ermöglichten eine präzisere Bestimmung ihres Alters. Das Ergebnis überraschte selbst die Wissenschaftler: Die Fossilien sind rund 773.000 Jahre alt, wie unter anderem das Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology berichtet. Damit gehören sie zu einer Phase der menschlichen Evolution, in der sich jene Linien entwickelten, aus denen später Homo sapiens, Neandertaler und Denisova-Menschen hervorgingen.

Eine lange rätselhafte Phase der Evolution

In der Erforschung der menschlichen Evolution gab es lange eine schwer erklärbare Lücke. Fossilien früher Menschen sind in Afrika relativ häufig für die Zeit vor etwa einer Million Jahren. Danach jedoch werden entsprechende Funde deutlich seltener, bevor sie etwa 500.000 Jahre vor heute wieder häufiger auftreten. Genau in diese bislang nur schwach dokumentierte Phase fallen die Funde von Casablanca.

Der französische Paläoanthropologe Jean-Jacques Hublin, einer der führenden Forscher auf diesem Gebiet, beschreibt die Situation so: „Es gibt zahlreiche Fossilien früher Menschen bis etwa eine Million Jahre zurück. Danach klafft eine große Lücke - und genau in diese Zeit fallen die Funde von Casablanca.“

Eine Population nahe am Ursprung mehrerer Linien

Die Wissenschaftler stellten fest, dass die Fossilien eine bemerkenswerte Mischung von Merkmalen aufweisen. Einige Eigenschaften erinnern noch an Homo erectus, eine sehr frühe Menschenform. Andere wiederum ähneln bereits späteren menschlichen Linien. Gerade diese Kombination macht die Funde besonders interessant. Sie könnten zu einer Population gehören, die nahe am gemeinsamen Ursprung mehrerer menschlicher Linien steht. Hublin formuliert dies vorsichtig, aber deutlich: „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés könnten zu den bislang besten Kandidaten für afrikanische Populationen gehören, die nahe am Ursprung unserer gemeinsamen Abstammung liegen.“ Mit anderen Worten: Diese Menschen könnten zu Populationen gehört haben, aus denen sich später verschiedene menschliche Linien entwickelten - darunter jene, die schließlich zum modernen Menschen führte.

Marokko als Schlüsselregion der Menschheitsgeschichte

Die neuen Funde stehen nicht isoliert. Bereits zuvor sorgte eine andere Entdeckung aus Marokko weltweit für Aufmerksamkeit: die Fossilien von Jebel Irhoud. Dort wurden Überreste gefunden, die rund 315.000 Jahre alt sind und zu den ältesten bekannten Fossilien des Homo sapiens zählen. Zusammen zeichnen diese Entdeckungen ein zunehmend differenziertes Bild: Der Weg zum modernen Menschen verlief nicht ausschließlich in Ostafrika. Auch Nordafrika spielte offenbar eine wichtige Rolle in dieser Entwicklung.

Zwischen Afrika und Europa

Die Straße von Gibraltar trennt Afrika und Europa heute nur durch wenige Kilometer Meer. Für frühe Menschen könnte diese Region ein bedeutender Übergangsraum gewesen sein. Einige Forscher vermuten, dass Kontakte zwischen Populationen auf beiden Seiten des Mittelmeers schon vor Hunderttausenden von Jahren möglich gewesen sein könnten. Ähnlichkeiten zwischen Fossilien aus Marokko und jenen aus Atapuerca in Spanien werden in der Forschung gelegentlich als mögliche Hinweise auf solche Zusammenhänge diskutiert. Sollten sich diese Hypothesen weiter bestätigen, könnte der Maghreb nicht nur als Ursprungsregion wichtiger menschlicher Linien gelten, sondern auch als eine der historischen Brücken zwischen Afrika und Europa in der Frühgeschichte der Menschheit.

Die Grabungen in Casablanca dauern bereits seit Jahrzehnten an. Dennoch sind große Teile des Fundgebietes noch immer unerforscht. Archäologen gehen davon aus, dass die Region noch zahlreiche weitere Hinweise auf das Leben früher Menschen enthalten könnte. Schon jetzt wurden neben menschlichen Knochen auch Steinwerkzeuge sowie Überreste großer Tiere entdeckt. Diese Spuren zeigen, dass die frühen Bewohner der Region in einer Welt lebten, die von großen Säugetieren und starken klimatischen Veränderungen geprägt war. Ihre Geschichte ist nur in Fragmenten erhalten - doch jedes neue Fragment verändert unser Verständnis davon, woher wir kommen.

So wird Casablanca heute nicht nur als wirtschaftliches Zentrum Marokkos wahrgenommen, sondern auch als einer der Orte, an denen sich ein besonders frühes Kapitel der Menschheitsgeschichte abspielte. Sollten sich die aktuellen wissenschaftlichen Interpretationen bestätigen, könnte ein Teil der Geschichte des modernen Menschen tatsächlich nicht nur in Afrika insgesamt, sondern auch an der Atlantikküste Marokkos seinen Ursprung haben.

 

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Quellen: Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology - Early hominins from Thomas Quarry I * Jean-Jacques Hublin et al., wissenschaftliche Studie zu den Fossilien von Thomas Quarry * NYU News / Forschungsbericht zur Abstammungslinie früher Menschen * Studien zu Atapuerca-Fossilien in Spanien