Samy Charchira: Die marokkanische Community in Deutschland leistet einen erheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in Marokko bei. Hat diese Community selbst Anteil an der damit verbundenen Prosperität, insbesondere in den Ferienmonaten, in denen Millionen Marokkanerinnen und Marokkaner nach Marokko strömen?

Abdellah BoussoufAbdellah Boussouf: Selbstverständlich ist die marokkanische Migration aus Deutschland sehr wichtig, auch wenn sie in ihrer Zahl eine andere, im Vergleich zur Migration aus Frankreich, Spanien oder Italien, ist. Aber sie bleibt eine der ersten und besonderen Migrationsetappen. Das hat sicherlich damit zu tun, das Deutschland eine der größten Wirtschaftsmächte der Welt ist, aber auch damit, dass diese zur direkten Entwicklung von Regionen wie z. B. der Rif-Region beigetragen hat. Städte wie Nador oder Al Hoceima haben sehr viel von der marokkanischen Migration in Deutschland profitiert. Viele Projekte in diesen Städten sind der marokkanischen Migration aus Deutschland und ihren finanziellen Rücküberweisungen zu verdanken. Die neue marokkanische Verfassung aus dem Jahre 2011 sieht die ausdrückliche Integration der Auslandsmarokkaner bei der nachhaltigen und gesellschaftlichen Entwicklung in Marokko vor. Das finde ich positiv, weil der Migrant immer ein Mehrwert bleibt, sowohl für das Herkunftsland, als auch für das Aufnahmeland. Er leistet einen Beitrag zur Entwicklung und stellt einen Faktor der Stabilisierung und der Prosperität beider Gesellschaften dar. Der König hat sich in seiner Ansprache an die marokkanische Diaspora im Allgemeinen und somit auch an die marokkanische Community in Deutschland gewandt und bekräftigt, dass die Auslandsmarokkaner ihrer Pflicht gegenüber ihrem Land nachgekommen sind und dass nun auch der marokkanische Staat seiner Pflicht gegenüber den Auslandsmarokkanern nachkommen muss. Dieses 50-jährige Jubiläum ist eine gute Gelegenheit, um dieses staatliche Interesse zu zeigen und in einer konstruktiven Interaktion mit den Marokkanerinnen und Marokkanern in Deutschland einzutreten.

Samy Charchira: Vor ca. drei Jahren gründete sich schnell und überraschend ein neuer Rat der Marokkaner in Deutschland, der sich selbst den Titel „Zentralrat der Marokkaner“ verleiht und in der Deutschen Islamkonferenz sitzt. Nicht wenige Marokkanerinnen und Marokkaner führen die Gründung dieses Vereines auf einen politischen Willen der marokkanischen Regierung zurück, mit der Absicht eine gewisse Einflussnahme auf die marokkanische Gemeinschaft in Deutschland ausüben zu wollen. Wird eine solche Einflussnahme beabsichtigt? Und wenn ja, um welche Art von Einflussnahme handelt es sich hierbei?

Ich glaube dass, die marokkanische Immigration in Deutschland eine gewisse politische und mentale Reife erreicht hat, die man kaum beeinflussen oder kontrollieren kann, da sie in demokratischen, pluralen und offenen Gesellschaften lebt und sich dort auch durchsetzen kann. Die marokkanische Verfassung erkennt die Doppelte Staatsbürgerschaft der Marokkaner an. Marokko sieht sich in der nationalen Pflicht eine Reihe von begleitenden Unterstützungsmaßnahmen anzubieten, zumal diese von Marokkanerinnen und Marokkanern gefordert werden. Marokko strebt nicht an, eine Hegemonie oder Kontrolle auf seine Diaspora auszuüben oder sich direkt in ihrer inneren Angelegenheit einzumischen. Die marokkanische Community in Deutschland muss ihre Angelegenheit selbst regeln, im Einklang mit der deutschen Rechtsprechung und Interesse der deutschen Gesellschaft und ihrer ausländischen Communitys. Wir wissen, dass es in Deutschland eine zahlreiche türkische Communitys gibt. Wir können uns nicht vorstellen, dass sich die marokkanische Community in Deutschland in Absonderung von der türkischen Community für ihre Rechte einsetzen könnte, so wie wir uns nicht vorstellen können, dass sich die türkische Community ohne die Marokkaner für ihre Rechte einsetzen könnte. Hier müssen Formen der Kooperationen gefunden werden, in dessen Rahmen wir uns für unsere gemeinsamen Interessen einsetzen können, um Teil der deutschen Gesellschaft zu sein und zwar im positiven Sinne und als Quelle des Guten und nicht als Störfaktor.

Dieser Rat, den Sie erwähnt haben, wurde von mehreren marokkanischen Vereinen gegründet, die bereits über Moscheegemeinden vor Ort verfügen. Diese Vereine versammeln sich zu einem Bündnis, um ihre Partizipation in der deutschen Gesellschaft zusammen mit anderen Gemeinden (insbesondere der türkischen) zu stärken und positiver zu gestalten. Hier kann Marokko nur eine moralische und finanzielle Unterstützung anbieten, damit sich diese Marokkaner selbst organisieren und repräsentieren, sich besser für Ihre Interessen eintreten und ihre Staatsbürgerschaften in vollem Umfang ausüben können.

Wir tun dies allerdings, ohne uns in die innere Angelegenheit der Community einmischen oder diese kontrollieren oder überwältigen zu wollen. Wir respektieren ihre politischen Überzeugungen und demokratischen Entscheidungen, aber auch die Souveränität der Staaten wie Deutschland, in denen die marokkanischen Gemeinden leben.

Allerdings haben Marokkanerinnen und Marokkaner in kultureller und spiritueller Hinsicht eine Quelle in Marokko. In Glaubensangelegenheiten haben Marokkaner in der Institution des „Emirat der Gläubigen“ (Imarat Al Mou´minin) ihre religiöse Autorität. Diese Institution erfasst alle gläubigen Marokkanerinnen und Marokkaner an Juden, Muslimen und Christen. So wie es eine religiöse Autorität für Katholiken in Rom, eine für Buddhisten im Tibet oder eine für Juden in Israel gibt, so gibt es auch eine religiöse Autorität für die Marokkaner, aber auch für afrikanische Gläubige in Marokko. Es handelt sich hierbei nicht um eine politische Intervention oder Einmischung in die Angelegenheit der marokkanischen Gemeinschaften im Ausland, sondern um eine religiöse Autorität, die sich auf die malikitische Rechtsschule stützt und religiöse Dogmen und Bekenntnisse (Áquida) und sufische Traditionen (Tasawuf) zum Gegenstand hat. Dieses sog. „Marokkanische Modell“ ist für seine Offenheit und Toleranz, für seine friedliche Koexistenz mit Andersgläubigen und für seine Rücksichtnahme auf die Eigenheiten Anderer bekannt. Ich denke, das ist der Rahmen, in dem wir unsere Kooperation mit Anderen gestalten.

Autor: Samy Charchira ist Sozialpädagoge und Mitglied des Landesvorstandes des paritätischen Wohlfahrtsverbands NRW. Er ist Sachverständiger für islamische Wohlfahrtsarbeit bei der Deutschen Islamkonferenz und Mitglied der Steuerungsgruppe des Zukunftsforum Islam der Bundeszentrale für politische Bildung. Als Vorstandsmitglied gehört er den freien Träger „Düsseldorfer Wegweiser“ das sich, In Kooperation mit dem Nordrhein-westfälischen Ministerium für Inneres und Kommunales, gegen gewaltbereitem Neo-Salafismus einsetzt.

   

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